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„Wenn die Affen den Zoo regieren“ – vom Sinn und Unsinn des Hierarchieabbaus

September 18, 2018
photocaseTeam

Immer besser in der Organisation durch weniger Hierarchie? (Bild Photocase)

Die Diskussion um flachere Hierarchien gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. Stefan Kühl hat 1994 die „Tücken der flachen Hierarchien“ in seinem Buch mit dem provokanten Titel „Wenn die Affen den Zoo regieren“ problematisiert. Auch der soziokratische Organisations-, Management- und Führungsansatz, mit dem mehr Gleichberechtigung, Transparenz und Partnerschaftlichkeit in den unternehmerischen Prozessen hergestellt werden soll, ist ein alter Hut – die Wurzeln des Modells reichen zurück bis in die 1960er-Jahre.

Mal wieder nur alter Wein in neuen Schläuchen? Nicht nur.

Weniger Hierarche = Agilität: Stimmt die Gleichung?

Auftrieb hat die Frage, ob Hierarchieabbau die richtige Lösung sei, durch die Agilität erhalten. Das Versprechen ist: Weniger Hierarchien und weniger formale Regelungen und Prozesse führen zu Agilität, nämlich Schnelligkeit, Flexibilität, Kundenorientierung und letztlich weniger Kosten. Allerdings: Differenzierung tut not!

Jede Lösung hat seinen Preis, auch die agile Organisationsform fordert ihren Tribut und führt zu neuen Paradoxien. Zunächst aber die gute Nachricht: Hierarchieabbau in kleinen Teams und Unternehmen – das kann funktionieren! Wenn Mitarbeiter als eigenverantwortlich handelnde Experten, Führungskräfte als Moderatoren agieren und Entscheidungen demokratisch getroffen werden, klappt das mit dem Affen-Prinzip erstaunlich häufig.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Selbstorganisation, Dezentralisierung, Enthierarchisierung und das Prinzip „Tschüss, Chef!“ haben allerdings ihre Grenzen. Wenn klassische Führung und traditionelle Zusammenarbeits-Kultur durch agile Strukturen ergänzt, schließlich sogar ersetzt werden, müssen Menschen Macht und Einfluss abgeben. Dem Gewohnheitstier Mensch fällt es schwer, sich vom Bewährten zu trennen. Die Konsequenzen lauten: Machtkämpfe, Verunsicherung, Desorientierung, Instabilität. Oft wird die Führungs-Mittelschicht formal abgeschafft. Ohne diese Stützsäule jedoch kollabiert das System: Die agile Revolution droht ihre eigenen Kinder zu verschlingen.

Enthierarchisierung führt zur Überforderung

Soziokratie, Holokratie, Führen (fast) ohne Führungskräfte, Hierarchie ade – all dies ist oft zu idealistisch gedacht. Nicht jeder Mitarbeiter ist „edel, hilfreich und gut“, nicht jeder kann und will selbstorganisiert arbeiten, unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Interessen und Motive. Und die laufen nicht immer darauf hinaus, das Beste für Unternehmen und Arbeitsplatz zu geben. Das ist bitter, aber auch menschlich-allzu menschlich.

Darum: Der Pluspunkt, die Aufhebung von Hierarchien und das Agieren in selbstorganisierten Teams führe zu Schnelligkeit, sollte hinterfragt werden. Denn jetzt muss viel mehr kommuniziert werden, weil sich vieles schnell verändern soll. Das führt zur Überforderung der Menschen und der Prozesse.

Den goldenen Mittelweg beschreiten

Hierarchien bieten Sicherheit und Stabilität im Ablauf und legen Verantwortlichkeiten fest. So wird sichergestellt, dass schwierige Entscheidungen selbst in komplexen Situationen – wenn es ums Ganze geht und die Existenz von Firma und Arbeitsplätzen auf dem Spiel steht – schnell(er) getroffen werden können.

Was also tun? Alles beim Alten belassen? Das hierarchische Denken beibehalten? Natürlich nicht. Mein Vorschlag: Zunächst einmal akzeptieren: die „perfekte Organisationsform“ gibt es nicht. Hierarchisches Denken und Enthierarchisierung sind nur zwei Farbtupfer eines höchst komplexen Bildes.

Und dann: Es gilt, „gute“ Balancen zu finden – etwa die Balance zwischen Agilität und Dynamik auf der einen und Stabilität sowie Routine auf der anderen Seite. „Gut“ ist dabei definiert durch die Wirklichkeit und die jeweilige Situation, die Sie in Ihrem Unternehmen und Verantwortungsbereich antreffen. Prüfen Sie, ob und wie sich Agilität und Enthierarchisierung bei Ihnen ausbalancieren lassen.

Was sagen SIE dazu?

Meine Erfahrung ist: Notwendig ist eine agile erste Führungsebene, die analysiert, wo mehr Agilität in den Abteilungen gebraucht wird. Danach werden die Strukturen, Prozesse und Spielregeln implementiert, die zu mehr Schnelligkeit, Flexibilität, Effizienz und Effektivität führen. Dann klappt es mit den Affen, die den Zoo regieren!

Aber das ist meine Meinung. Welche Erfahrungen haben Sie mit flachen Hierarchien gemacht? Ist das hierarchiefreie Unternehmen eine Illusion? Oder haben wir nur noch nicht den richtigen Weg gefunden? Gerne möchte ich mich mit Ihnen dazu austauschen.

 

Übrigens: In meinem nächsten Blog geht es um die Frage, warum Veränderungsprozesse so oft scheitern – und was Sie dagegen tun können.

One Comment leave one →
  1. September 18, 2018 8:41 am

    Danke!
    Ich stimme voll zu, Herr Schlachte.

    Die Bremswirkung erhöhten Kommunikationsbedarfs wird allseits sträflich unterschätzt.
    Der Fokus wird vollkommen zu Unrecht auf Effizienz gelegt.

    Der eigentliche Gewinn durch ‚Agilität‘ entsteht aus gesteigerter Effektivität mit ihr nachfolgender Effizienzverbesserung. Und das ist weitaus anstrengender als die Steigerung im Volumen des immer selben, die man mit ‚einfacher‘ Effizienzverbesserung erhält.

    „Are You highly efficient in missing the point?“ fragte ich einst über twitter.
    Innerhalb weniger Minuten hatte ich eine stattliche Vielzahl von RT aus dem indischen Sprachraum.

    Ich nenne diese Ausgangslage mittlerweile den #Effizienzirrtum.
    Er ist dermaßen weit verbreitet, dass ich diesen Zustand mittlerweile als Normalfall im Unternehmen annehme und zum Ausgangspunkt meiner Aktivitäten gewählt habe.

    Vor Jahren errechnete ich mir Blog-öffentlich die Unwahrscheinlichkeit von Erfolg.
    Ausgangspunkt war die Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation.

    Die Wirkungsverluste durch mannigfaltige Zielverfehlungen sind das Kernthema meiner Aktivitäten.

    commodus heißt übrigens „angemessen, passend, genau richtig“.
    Und es ist harte Arbeit, diesen Punkt zu finden und immer wieder neu zu bestimmen.

    „An Ihrem Ende findet sich kein Ende – nur ein neuer Anfang.“

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